Das Leben und Leiden des Jack Bauer

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Die Serie 24 mit ihren acht Staffeln hebt sich in vielerlei Hinsicht von dem ab, was ich sonst so schaue. Dennoch, oder gerade deshalb, birgt sie eine gewisse Faszination in sich, welche ich gerne beschreiben würde.

Vorher noch eine kleine Warnung: wer die Serie nicht kennt, sie sich dennoch anschauen möchte, sollte die nachfolgenden Zeilen nicht lesen, weil die Gefahr besteht, dass einem zu viele Dinge verraten und somit der Zauber entzogen wird.

In den acht Staffeln der Serie geht es jeweils um einen Tag aus dem Leben des Agenten Jack Bauer. Der Amerikaner Bauer ist ein Agent der fiktiven Institution CTU, was zu Deutsch in etwa für die Antiterroreinheit / Organisation steht. Im Mittelpunkt der Serie steht ein oder mehrere Anschläge, welche in Amerika verübt werden und die CTU muss alles daran setzen, um diese zu verhindern. Warum es überhaupt so weit kam, ist oft unbekannt. Wahrscheinlich haben die Leute bei der CTU bis dahin am Daumen gelutscht und darauf gewartet, dass es spannend wird, so genau weiß man das nicht.

Ein interessanter, wenn nicht gar der interessanteste Aspekt der Serie ist die "Echtzeit-Komponente". Jede Folge der Serie gibt eine Stunde wieder. Nun hat jede Folge zwar nur rund 40 Minuten, aber die Lücken werden im Fernsehen effektiv mit Werbung gefüllt, schließlich will Jack Bauer auch mal bezahlt werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt der Serie ist die Inszenierung. Laufend passiert etwas, meistens ist es dabei sogar sehr spannend. Eine wirklich langweilige Folge gibt es nicht, außer man kann der ganzen Aufmachung nicht viel abgewinnen, dann gibt es nur langweilige Folgen. Der Handlungsverlauf ist in den ersten zwei bis drei Staffeln sogar noch recht spannend, dann gehen den Autoren langsam die guten Ideen aus, zumindest bis zum absoluten Höhepunkt, dem Finale der 8. Staffel. Mal hat der Araber die Atombombe, mal der Russe, es gibt in der CTU fast immer einen Maulwurf oder es sieht zumindest nach einem Verräter aus. Dabei wird die CTU fast immer lahm gelegt, gute Freunde sterben und alles passiert dabei rasend schnell. Das kann man mögen, oder auch nicht, zumal sowohl der Humor- als auch der Sexfaktor in der Serie bei nahe Null liegen. Zumindest in der sechsten Staffel gibt es ab und an ein paar nette Sprüche, der Rest ist eher deprimierend oder grausam.

Für mich persönlich ist die Person Jack Bauer der interessanteste Aspekt der Serie. Für den Zuschauer ist er der absolute Held, der für sein Land alles auf sich nimmt und einsteckt, solange er unschuldige Amerikaner retten kann. Schon als harmloser Tourist hat man bei Mr. Bauer sicher nicht viel zu lachen. Jack Bauer als Hemdsärmelig zu bezeichnen wäre eine extreme Untertreibung. Er ist geradliniger als eine Wasserwaage und geht buchstäblich durch die Wand, auch wenn fünf Meter daneben eine Tür ist. Jack Bauer opfert für die Mission schlicht alles, einschließlich sich und seine Familie und man glaubt es kaum, was einem die Macher der Serie glaubhaft machen wollen, was ein Mensch psychisch und körperlich aushalten kann.

Ein paar Beispiele, quer Beet durch alle Staffeln. In der ersten Staffel wird seine Frau getötet und das auch noch von seiner Ex Geliebten, welche sich als Spionin und skrupellose Mörderin entpuppt. Diese wird von Jack in einem der kommenden Staffeln umgebracht, er muss mit ihr aber vorher noch einige Male zusammen arbeiten. Um sich in ein Drogenkartell einzuschleusen, wird er Heroinabhängig, verliert darauf hin seinen Job. In mehreren Staffeln wird Jack gefoltert, in der zweiten geht es allerdings so weit, dass er zu Tode gefoltert und anschließend reanimiert wird, damit er weiter gefoltert werden kann. Jack gibt dabei natürlich keine Informationen Preis. In der fünften Staffel bricht er in die chinesische Botschaft ein, weil er einen Informanten entführen will. Dabei wird ein hochrangiger Chinese aus Versehen von seinen eigenen Leuten getötet. Am Ende der Staffel wird Jack von den Chinesen entführt und für zwei Jahre in einem Gefängnis bis zur Verstümmelung gefoltert. Die USA kaufen ihn frei, weil ein Terrorist wichtige Informationen geben will, wenn er dafür Jack bekommt und ihn töten kann. Jack stimmt dem Vorhaben zu, kann aber schon fast wunderhaft entkommen, als die CTU die Informationen erhält, die es braucht. Der Witz: trotz der Erfahrung mit den Chinesen bricht Jack in der sechsten Staffel in die russische Botschaft ein, um den Botschafter zu foltern.

Jack muss selber immer wieder zur Folter greifen und dabei ist er weder zimperlich, noch kleinlich. Mal wird Strom eingesetzt, mal nur geschlagen, mal der Finger abgeschnitten oder die Hinrichtung einer ganzen Familie angedroht. Dabei agiert Jack gerne als Einmannstaat. Er findet die Leute, foltert sie und richtet sie oft genug am Ende auch noch selber hin. Dabei kommt er oft genug mit einem blauen Auge davon, oder er wird wegen bürokratischem Kleinkram ab gewatscht. Dass er sich dabei als Richter und Henker sieht, gibt er in der 8. Staffel sogar selber zu. Die Konstante der Serie heißt aber: "Jack hat immer Recht!". Egal wer etwas anordnet, wer seine Meinung äußert, wenn Jack einer anderen Meinung ist, ist diese immer die richtige. Lediglich in der sechsten Staffel gibt es eine kleine Abweichung der Konstante, als Jack ein Verhör abbricht, weil er der Meinung ist, der gefolterte würde die Wahrheit sagen. Keine Minute später stellt sich das Gegenteil heraus, so dass dieser kleine Fehler sofort korrigiert wird. Im Laufe der Serie muss er einen guten Kollegen töten, seinen Vorgesetzten hinrichten, seine Lebensgefährtin dem Verhör überlassen, seinen eigenen Bruder foltern und vieles mehr. Er entführt sogar den Präsidenten der USA um aus ihm ein Geständnis heraus zu pressen. Jack ist kein einfacher Beamter, er ist die personifizierte Justiz ohne den bürokratischen Anhang.

Ungewollt lustig ist dabei die Organisation CTU, welche, bis auf die siebte Staffel, immer vorkommt. Die Aufgabenstellung ist simpel: es gibt eine große, nationale Bedrohung und jeder muss seinen Arsch bewegen, um die Bedrohung abzuwenden. Hinter dem Schein der Arbeit werden Intrigen geschmiedet, Kollegen gemobbt, Eheprobleme ausgetragen und gegenseitig verdächtigt. Auf der einen Seite wirkt die CTU hoch modern, auf der anderen Seite arbeiten dort minderbegabte mit einem starken Drang zu Kindergartenstreitereien. Meiner persönlichen Meinung nach würden die mit dieser Arbeitsweise nicht einmal einen Taschendieb finden.

Ebenfalls interessant: die politischen Hintergründe. Meistens hat es Jack Bauer auch mit dem Weißen Haus zu tun und auch hier gewinnt man oft den Eindruck, dass man von solchen Menschen nicht wirklich regiert werden will. Mal ist der Präsident unfähig oder wird hintergangen. Das alles macht die Serie zwar spannend, Handlung und Darsteller wirken aber immer wieder unglaubwürdig und handeln zwar oft schnell, aber umständlich. Dabei wird ein oft völlig überzogener, unnötiger Stress erzeugt. Sätze mit den Worten "Das ist unsere einzige Chance!", "Er ist unsere einzige Chance!" hört man in fast jeder Folge. Dabei wird sich aber noch die Zeit genommen mutmaßlich hoch qualifizierten Leuten den Sachverhalt zig Mal zu erklären. Sicherlich mag das für den Zuschauer, der mal etwas verpasst hat, informativ sein, es ruiniert aber die Gesamtstimmung. Als Zuschauer fragt man sich oft genug, warum man alles schreien oder zumindest bissig sagen muss und warum es nicht in einem halbwegs normalen Ton geht?

Das hohe Tempo jeder einzelnen Folge, die Schnitte, die Akustik und die Figur Jack Bauer machen aus dem ganzen Klamauk dennoch eine gute Serie, wenn man es mit der Realität nicht so ernst nimmt. Die Serie hat ihren Reiz, mich hat sie bei jeder Staffel spätestens am Ende der ersten Folge gepackt. Absoluter Höhepunkt der Serie ist das Ende der letzten Staffel. Es ist ein würdiges Ende mit vielen Emotionen, akustisch und visuell wunderbar in Szene gesetzt. Bei kaum einer Serie war ich mit dem Ende so zufrieden und so traurig zugleich. Die Reise mit Jack, seine konsequente Selbstzerstörung im Kampf gegen das Böse, hat sich letztlich mehr als gelohnt. Auch wenn ich oben viel Hohn und Spott abgelassen habe, die Serie habe ich nicht nur aus Zeitvertreib zweimal angesehen.

Danke Jack!
 

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